Menschen mit sog. „Behinderung“ in Zeiten von Corona – Interview mit Alexander Kiesewetter

Ein Mensch aus der Magdelstube hat im Anschluss an unser Spotlight#7 (Menschen mit sogenannten geistigen oder körperlichen „Behinderungen“) mit Alexander Kiesewetter, Teilhabeberater vom Landesverband in Thüringen e.V., ein Interview geführt. Es geht um die besonderen Herausforderungen in der Corona-Krise. Hier findet ihr es in voller länge als Audio und auch als Text. Viel Spaß.

Das Interview als Text:

Magdelstube: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Corona Pandemie und Menschen mit Behinderung denken?

Alexander Kiesewetter: Menschen mit Behinderung stehen aus meiner Sicht bei der Diskussion um Corona eher am Rand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Sie werden als homogene Gruppe betrachtet und mit dem Stempel „Risikogruppe“ pauschalisiert und vereinheitlicht. Menschen mit Behinderung werden eher wieder rückschrittlich im Sinne von fürsorglich zu behandelnde Individuen betrachtet. Die Menschen sollen besonders geschützt werden, mussten in ihren Einrichtungen bleiben und durften lange Zeit keinen Besuch empfangen.

 

Was bedeutet Corona für die Selbstbestimmung?

Das was in den vergangenen Jahrzehnten z. B. durch die UN – Behindertenrechtskonvention, das Bundesgleichgestellungsgesetz, auch durch das Bundesteilhabegesetz und weitere Gesetze erreicht werden konnte, wird nun auf die Probe gestellt. Alte Muster brechen wieder hervor. Der Begriff Risikogruppe zum Beispiel. Sicher gibt es in der Gruppe der Menschen mit Behinderungen oder auch chronischen Erkrankungen Personen, die gefährdeter sein können, schwer an Covid-19 zu erkranken. Deswegen aber alle Menschen mit Behinderung zur Risikogruppe zu zählen, ist diskriminierend und richtend. Der Begriff impliziert nicht nur, dass eine Gruppe von Menschen besonders gefährdet ist, sondern ebenso, dass sie für andere eine besondere Gefahr darstellen kann. Verfestigt sich solch eine Denkweise in der Gesellschaft, werden Menschen mit Behinderung ganz schnell stigmatisiert und möglicherweise als „Virenherde“ gemieden und an den Rand der Gesellschaft gedrückt.

In Bezug auf die Arbeit im selbstbestimmt Leben Zentrum – was hat sich verändert, welche Aufgaben kommen gerade auf Sie zu?

Wir mussten unsere Arbeit vor Ort im Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben im Grunde komplett einstellen und sind ins Home-Office gegangen. Das heißt, wir durften und konnten keine Menschen mehr persönlich beraten und auch Maßnahmen der Agentur für Arbeit wie z. B. die Unterstützte Beschäftigung konnten bei uns vor Ort nicht mehr durchgeführt werden. Auch das Kollegium hat sich nicht mehr gesehen und konnte keine Absprachen treffen. Wir haben also unsere komplette Kommunikation miteinander auf Kanäle wie E-Mail, Telefon, Videotelefonie und Online-Plattformen wie z. B. ZOOM umgestellt. Auch Beratungen fanden ausschließlich am Telefon, per Mail oder Videotelefonie statt.

Welche Forderungen stellen Sie (in diesen Zeiten) an die Politik?

Der Punkt ist, dass Menschen mit Behinderung mehr beteiligt werden sollten an den Prozessen, die sie umgeben und in die sie eingebunden sind. Das bezieht sich z. B. auf Punkte wie Wohnen, Arbeit aber z. B. auch auf Freizeit. Müssten die Menschen nicht in Wohnheimen leben, sondern gäbe es z. B. mehr inklusive Wohngemeinschaften, gäbe es das Problem nicht, dass Heime abgeriegelt werden müssen und kein Besuch empfangen werden darf oder z. B. oftmals kein persönlicher Internetzugang besteht und die Menschen sich nicht individuell über das Geschehen in der Welt informieren können.

Wo sehen Sie Möglichkeiten, die Lebenswelt von Menschen mit Behinderung sichtbarer zu machen ohne erneut zu stigmatisieren?

Eine große Problematik besteht für mich darin, dass Behinderung wieder verstärkt auf persönliche Merkmale von Personen zurückgeführt wird. Das sieht man an der Bezeichnung der Menschen mit Behinderung als „Risikogruppe“ ganz gut. Vielmehr sollte Behinderung aber auch als gesellschaftlich gemacht betrachtet werden. Behinderung ist häufig ein Status, der Menschen zugewiesen wird. Behinderung entsteht aber vielmehr durch die Wechselwirkung von individuellen persönlichen Merkmalen (Beeinträchtigungen) mit einstellungs- oder umweltbedingten Barrieren.

Menschen mit Behinderung sollten bei den gesellschaftlichen Debatten um Corona generell mitberücksichtigt werden. Wenn etwa Berufstätige, die im Homeoffice sind und gleichzeitig Kinder betreuen, in den Nachrichten zu Wort kommen oder Gastronomen, die um ihre Existenz fürchten, warum dann nicht auch Menschen mit Behinderung, z. B. die auf persönliche Assistenz angewiesen sind und nicht wissen, wo sie persönliche Schutzausstattung erhalten oder denen aufgrund der Schließung von Einrichtungen ihre Tagesstruktur zusammenbricht?

Die Magdelstube dankt Herrn Kiesewetter für dieses Gespräch. Informationen zu Beratungsangeboten beim Landesverband „Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben“ in Thüringen e.V. gibt es unter http://www.lv-isl-thueringen.de/index.php oder direkt Bei Herr Kiesewetter:

Alexander Kiesewetter:  03641 776676 info(at)lv-isl-thueringen.de

Alexander KiesewetterFoto: http://www.lv-isl-thueringen.de/index.php/teilhabeberatung