Die Magdelstube möchte aufzeigen, wie gesellschaftliche Teilhabe und Freizeitgestaltung auch unkommerziell gehen kann. Eine Tätigkeit, die außer ein bisschen Zeit eigentlich nichts weiter benötigt, ist die Vogelbeobachtung. Das geht in Jena auch direkt vor der Haustür. Viele Vögel sind in der Stadt und den Wohngebieten darum herum heimisch. Eine Vogelart wollen wir hier etwas genauer betrachten: Die Turmfalken. Im vergangenen Jahr wurde ein Paar sogar zur unmittelbaren Nachbarschaft für eine Familie in Jena Süd.

Ungekürzte Fassung • Sven Olaf Nix • 30.05.2021

Wer im Frühjahr und Sommer durch Jena geht, kann die kleinen Falken kaum übersehen. Sobald etwa im April die Paarungszeit beginnt, beginnen die Turmfalken wieder ihre Nester zu beziehen und für ihre bis zu sechs Eier vorzubereiten. Der Turmfalke war im Jahre 2007 Vogel des Jahres. Doch auch das vergangene Jahr war ein echtes Turmfalken Jahr in Jena. Die kleine Falken Art war über Jena für viele gut zu entdecken. In Urbanen, also im städtischen Raum, kommen die Tiere gut zurecht. „Der Turmfalke gehört nicht unbedingt zu den Arten, die es irgendwie schwer haben. Es ist eine sehr häufige Art, die in Städten vor allem sehr häufig und regelmäßig vorkommt“, erklärt uns der Ornithologe Michael Nickel.

Michael Nickel (Bild links) ist der Geschäftsführer des Vereins Thüringer Ornithologen e.V. und hat sein Wissen über Turmfalken mit uns geteilt. Das vollständige Interview findet sich auf unserer Homepage, zum Nachhören und Lesen. Einen Lieblingsvogel hat der Ornithologe allerdings eher nicht: „Es ist immer der Vogel, den ich zuletzt gesehen habe.“

Die Turmfalken seien 2020 wirklich sehr zahlreich in Jena gewesen. Über die Gründe kann auch Nickel nur spekulieren. „Es ist tatsächlich so gewesen, nicht nur im Südviertel, auch allgemein in Jena, das zum einen relativ viele Turmfalken da waren, aber auch, dass diese erfolgreich waren. Es sind einige fünf bis sechser Bruten, also fünf bis sechs Bruttiere tatsächlich auch ausgeflogen.“

Die Nahrungssituation war offensichtlich sehr gut für die Turmfalken. Des es auch ein starkes Jahr für Mäuse war, ging auch durch die presse. „In den landwirtschaftlichen Bereichen hat es zum Teil zu Problemen geführt, weil es einfach zu viele Mäuse waren, was aber im Umkehrschluss bedeutet das vor allem Greifvögel und Eulen davon natürlich besonders profitiert haben.“ Hinzu kamen gute Wetterbedingungen.

Eine etwas ungewöhnlich erscheinende Nisthilfe hat ein Falkenpaar im Jahr 2020 in Jena Süd für sich entdeckt: Einen Blumentopf auf einer Fensterbank. Die Bewohner*innen hatten auf diese Art einen perfekten Einblick in die Bruttätigkeiten der Falkenfamilie. Durch die Fensterscheibe gelangen sogar einige Video Aufnahmen. Für Herr Nickel ist das eine tolle Sache: „…dass man aus dem eigenen Fenster direkt in so einen kleinen Kindergarten hineinguckt, das ist ja traumhaft. Man kann da wirklich zugucken, wie die Kleinen wachsen und dann irgendwann ausfliegen.“

Ungeübten Vogelbeobachter*innen will Herr Nickel Mut machen. Diese seien nicht schwer zu erkennen. „Also, der Turmfalke ist natürlich ein klassischer Falke. Also typische Falken Form, spitze Flügel, relativ langer Schwanz. Auch die Färbung, diese bräunliche, ist eigentlich relativ unverwechselbar. In der Stadt kommen in der Regel auch nicht verschiedene andere Falkenarten vor.“ Auch innerhalb der Art können die Weibchen von den Männchen gut unterschieden werden, sofern sie voll ausgefärbt sind. Die Männchen haben einen gräulichen Kopf, bei den Weibchen bleibt er eher bräunlich mit leichten Strichelungen. Beide haben einen Bartstreif, der vom Auge bis hin zum Kinn geht. Der ist bei den Männchen in der Regel etwas ausgeprägter als bei den Weibchen. „Die Männchen, die ein paar Jahre alt sind, die haben dann einen richtig schönen grauen Kopf, mit einem rostroten Rücken, mit ein paar braunen Flecken. Die Weibchen bleiben insgesamt etwas brauner, sie haben nicht diesen grauen Kopf“, beschreibt der Ornithologe weiter.

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Dieses Turmfalken Männchen ist an dem hellgrauen Kopf gut vom Weibchen zu unterschieden, wenn es gelassen auf den Dächern Jenas sitzt:

Mit anderen Vögeln können Turmfalken in Jena kaum verwechselt werden, meint Herr Nickel weiter. Hierzu bleibt höchstens der Wanderfalke, die einzige andere Falkenart, die um Jena regelmäßig beobachtet werden kann. Der Hauptunterschied liegt hierbei vor allem in der Größe. Wanderfalken sind fast doppelt so groß wie Turmfalken. „Die einzige andere Falkenart, die auch noch vorkommt und die wir auch hier in Jena haben, ist der Wanderfalke, der aber deutlich größer ist.“

Oft zu beobachten sind Turmfalken bei ihrem Rüttelflug, wenn sie auf der Stelle fliegen, um Beute anzupeilen. Das tun sie sehr viel häufiger als andere, vergleichbare Vogelarten. „Das ist ein sehr typisches Verhalten, das Turmfalken sehr regelmäßig zeigen.“

Besonders charakteristisch sind die keckernden Rufe, die über den Dächern in Jena häufiger gehört werden können. „Turmfalken sind relativ ruffreudige Vögel. Auch für einen Falken ruft er relativ viel“, erklärt Herr Nickel weiter.

Hier könnt ihr den typischen Ruf einmal nachhören:

(Ton Quelle: freesounds.org/dobroide)

Turmfalken gehen Partnerschaften ein. Sie bleiben mit einer Partnerin bzw. einem Partner verbunden und beziehen häufig alte Nistplätze erneut. In städtischen Bereichen finden Sie für diese viele Nischen. „Er heißt ja nicht umsonst Turmfalke. Er brütet vorwiegend in Felsduplikaten. Allerdings nicht nur. Er ist auch da relativ breit aufgestellt. Der Turmfalke brütet auch in alten Krähennestern, oder auch Nistkästen, die groß genug sind“, meint Herr Nickel. Künstliche Nisthilfen seien eine gute Idee, das gelte ganz pauschal für alle Vogelarten. Nisthilfen aufzustellen seien auch eine gute Möglichkeit für Menschen, um sich mit der Thematik um Vögel im urbanen Raum zu beschäftigen.

Ein Turmfalken Weibchen sitzt im Gebälk eines Hauses in Jena Süd. Anders als bei den Männchen, zieht sich die Braune Färbung auch über den Kopf weiter.

Der Turmfalke heißt nicht umsonst Turmfalke. In städtischen Bereichen findet er Nischen zum Nisten und auch genug Nahrung, überwiegend in Form von Mäusen.

Als Nahrung bevorzugen Turmfalken kleine Nagetiere, wie Wühlmäuse. Diese finden sie in Jena auf unbebauten und unversiegelten Gebieten, sogenannten Ruderalflächen, zahlreich genug. „Wenn diese Flächen weg sind, dann hat auch der Turmfalke keine Nahrung mehr, dann wird er die Stadt verlassen du muss dann irgendwo anders hingehen.“ Ihr Nahrungsspektrum reicht allerdings sehr viel weiter. Neben Mäusen als Hauptnahrung nehmen Falken im Grunde alles, was sie erwischen können: Eidechsen, Regenwürmer, größere Fluginsekten und in seltenen Fällen Vögel. Noch seltener gibt es Dokumentierte Fälle von Fledermäusen. So tragen Turmfalken zu einer ausgewogenen Artenvielfalt bei. Den Begriff „Schädling“, möchte Herr Nickel nicht gerne verwenden. „Schädling” ist ja ein Begriff, der sich ausschließlich auf uns bezieht, auf den Menschen. Eben weil er uns nicht als Nahrung für uns gefällt oder was auch immer für Schäden anrichtet. Aber in der Natur gibt es keinen Schädling.“

Das Männchen bringt der Brut, die in einem Blumentopf auf einer Fensterbank in Jena Süd nisten, eine Maus.

Menschen, die plötzlich Turmfalken in ihrer Nachbarschaft auf dem Fensterbrett haben, müssen sich übrigens keine Sorgen machen und auch sonst nicht viel tun, man sollte sie „Einfach machen lassen, sich dran freuen, gucken was passiert.“ Im Zweifel kann darüber nachgedacht werden, ob Anlagen, die die Tiere nutzen noch abgesichert werden, falls diese zum Beispiel nicht sehr stabil sind. Wer kann sollte für dieses Erlebnis vielleicht in Kauf nehmen, den eigenen Balkon eine Weile nicht zu betreten.

Menschen, die so zufällig einen Einblick in die Brutzeit bekommen können, werden möglicherweise beobachten, wie das Weibchen im Abstand von zwei Tagen bis zu sechs Eier legt. Sobald das letzte Ei gelegt ist, geht das Weibchen in die Brut und wird nun vom Männchen versorgt. Nach etwa einem Monat schlüpfen die Jungtiere und werden nun von beiden Elterntieren mit Nahrung versorgt. Je nach Witterung hurtelt das Weibchen die Jungfalken und wärmt sie. Nach etwa vier Wochen sind sie bereit auszufliegen.

Dieses Weibchen brütet hier im April 2020 ihre Eier aus. Ein Blumentopf wurde kurzerhand zur Nisthilfe ausgewählt. Der Standort scheint zu gefallen, das Paar ist auch in diesem Jahr bei der Nisthilfe geblieben.

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Die genaue Anzahl der Turmfalken in Jena kann auch Herr Nickel mit seinem Kollegen nur Schätzen: „Es gibt eine ganze Reihe Standorte, die ich kenne. Es gibt aber auch ein paar Ecken wo ich es nur so ungefähr weiß und ich habe dann noch vor ein paar Tagen mit einem Bekannten gesprochen, der sich auch sehr gut auskennt. Da sind wir auf ungefähr 50 Paare gekommen, etwa in der Größenordnung. Das ist schon ein ziemlich guter Bestand.“

Was denkt Herr Nickel zu Nistkästen für Turmfalken? „Immer machen!“. Nistkästen sind immer einer gute Idee, um Turmfalken, aber auch andere Arten zu unterstützen. Nicht nur für die Turmfalken, denn die Auseinandersetzung über das Aufhängen von Nistkästen hat auch auf Menschen positive Auswirkungen.

Übrigens: Dieses Jahr ist das Rotkehlchen Vogel des Jahres. Dieser Titel wurde zum ersten Mal durch eine Wahl bestimmt, an der alle interessierten Laien teilnehmen konnten.

Thüringer Ornithologen e.V.

Die Hauptbeschäftigung des Vereins besteht in der flächendeckenden, Thüringen weiten Erfassung von Vogelarten und deren Vorkommen. Der Verein organisiert Ornithologen*innen und bringt diese Zusammen, um in Thüringen auf bestimmten Flächen die dort vorkommenden Vogelarten zu erfassen und zu Kartieren. Entsprechend besteht der größte Teil der 250 Mitglieder aus Kartiererinnen und Kartierer.  Darüber hinaus bringt der Verein zwei Zeitschriften heraus und stellt den Jährlichen ornithologischen Jahresbericht zusammen. Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft gibt es nicht, es reicht das pure Interesse an der Ornithologie. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann sich unter http://www.ornithologen-thueringen.de/ weiter informieren.

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